Ich, Susanne Rasser, wurde am 25. Juni 1965 geboren
und wuchs als drittes von fünf Kindern
auf einem Bergbauernhof in Rauris (Land Salzburg) auf.
Ich schreibe Lyrik, Erzählungen, Theaterstücke und Drehbücher.
Hin und wieder fabriziere ich auch Bilder. Vorwiegend Porträts.
Auch die Fotografie gehört zu meinen Leidenschaften.
Werke
Publikationen und Projekte von Susanne Rasser.
Leseproben
Lyrik
Lyrik An manchen Tagen ist der Himmel blau, blitzhimmelblau, da lebt sich das Leben in der Sonne und der Herr Gott ist ein guter Mann. An manchen Tagen sage ich mir: wir schaffen das, das mit dem großen Glück im Kleinen und dass die Schafe bei den Wölfen wohnen, mietzinsfrei. Gemachtes Glück Der Zahnarzt schenkt mir ei…
Prosa
PROSA – TEXTPROBEN Bäume, essen gehen Susanne Rasser Weihnachtsgeschichte Geschlagen. Von Wind und Wetter, vom Hagelsturm. Dürr und verbogen stand er am Anger, das schüttere Astwerk zur Seite geknickt. Jedoch, er trug sein Gebrechen mit Würde. „Der wird nie aufrecken“, sagte der Vater und strich ihm bedächtig, mit star…
Dramatik
Dramatik – Textproben NACHT (AUSZUG) Theaterstück über/für ObdachloseSusanne Rasser, 1998 Uraufführung im Rahmen der Rauriser Literaturtage 1999 unter der Regie von Lutz Hochstraate. PERSONEN: MISHA: obdachlos MARIA: obdachlos KURT: obdachlos KÄFER: obdachlos HERIBERT TROSS: abgehoben SCHAUPLATZ: Hinterhof oder Park, S…
Bauernprinzessin
LITERARISCHE VORLAGE FÜR DEN FERNSEHFILM BAUERNPRINZESSIN SO, ALS OB AUSZUG Susanne Rasser Schneeschmelze. Weich wurde der Boden, nachgiebig. Föhnsturm und Regenguss. Man schrieb ein neues Jahr, verschrieb sich nicht mehr, die Festtage waren längst abgespult. Winziges, zartes, beinahe noch bräunliches Gras. Eine stärke…
Werkliste
PUBLIKATIONEN & PROJEKTE:
Atme den Himmel, Gedichte, erschienen bei dahlemer verlagsanstalt, Berlin, 2022.
http://da-ve.de/lyrik/rasser_himmel.html
https://www.meinbezirk.at/pinzgau/c-leute/neuer-lyrikband-der-rauriser-literatin-susanne-rasser_a5574853
Zeichne mir ein Schaf, Ausstellung von 29 Textbildern im Rahmen des Kulturprojektes SchafOhrMarke, Tauriska-Kammerlanderstall in Neukirchen am Großvenediger, August 2020 – September 2022.
https://www.meinbezirk.at/pinzgau/c-regionauten-community/das-tauriska-kulturprojekt-schafohrmarke-begeistert-die-region_a4856245
https://www.samerbergernachrichten.de/wp-content/uploads/2022/08/Brochure_schafohr-web-komprimiert.pdf
Der Obstgarten im Gebirge, Herausgeberschaft und Textbearbeitung, Ratgeber / Sachbuch von Jacob Schranz, Neuauflage, TAURISKA Verlag, 2020.
https://www.youtube.com/watch?v=ROrQgb-OnvU
Tauriska: Buchtipp von Christian Vötter: "Der Obstgarten im Gebirge" - Pinzgau
Hab jedes gute Wort und andere Gedichte, veröffentlicht in Zifferblatt, Schriftenreihe des PEN-Club Liechtenstein, 2018.
So als ob, Erzählung, auszugsweise veröffentlicht in der Buchanthologie Schlussbilanz – Linzer Frühling, HRSG: Kurt Mitterndorfer. Verlag Bibliothek der Provinz, 2017.
Bäume, essen gehen und drei weitere Prosatexte, Kurzgeschichten für Öffi-Nutzerinnen, Smart Storys Verlag, 2017.
Diverse Gedichte, veröffentlicht in der Kulturzeitschrift Landstrich. Nr. 33. Keine Kunst, in der Literaturzeitschrift AROQUART, in der Literaturzeitschrift Krautgarten – Forum für junge Literatur, HRSG: Bruno Kartheuser, 2017 und in der Literaturzeitschrift SALZ, Nahaufnahmen – 166, 2016.
Feuerziegenzicken. Langgedicht für Kinder. Erschienen in Pappalappa Mirzapan, eine Buchanthologie für besondere Kinder, gemeinsam mit Eva Masthoff, Silke Vogt, Christoph Stein, Christiane Weber, u. a., herausgegeben von Franziska Röchter, chiliverlag, 2016.
Pressestimme: http://lyrikgesellschaft.de/pappalappa-mirzapan-tanze-mit-raketenschuhen/
Flugstundenzyklus, Gedichte und Textbild, erschienen in DUM – Das ultimative Magazin, 2016.
3 Gedichte, erschienen im Glarean Magazin, HRSG: Walter Eigenmann, 2014 und 2015.
https://glarean-magazin.ch/category/susanne-rasser/
Sei getröstet und andere Gedichte, publiziert in „Herzschlaf“, Buchanthologie zum Thema Trost, Trauer, Hoffnung, gemeinsam mit Eva Masthoff, Marcel Wendler, Monika Kühn, u.a., HRSG: Franziska Röchter, chiliverlag, 2015.
Bauernprinzessin, 2. Teil, TV-Film, Drehbuchbearbeitung, eine Produktion von ORF, BR und Moviepool, hergestellt von SK-Film, 2006.
Bauernprinzessin, 1. Teil, TV-Spielfilm, Drehbuch nach eigener literarischer Vorlage, Produzenten: ORF, BR und Moviepool, hergestellt von SK-Film, Erstausstrahlung: 2004.
https://www.fernsehserien.de/bauernprinzessin/folgen/01-die-bauernprinzessin-168057
Menschenskind, Erzählung, erschienen in der Buchanthologie Brückenschlag, Paranuss Verlag, 2003, und in der Literaturzeitschrift SALZ, 2002.
Unser Haus, Erzählung, auszugsweise erschienen in Signum – Blätter für Literatur und Kritik, Herausgeber: Norbert Weiss, Verlag Die Scheune, 2000.
Nacht, Theaterstück über / für Obdachlose, Uraufführung durch das Salzburger Landestheater, Regie: Lutz Hochstraate, 1999.
Nacht, Theatertext als Hörspielproduktion, gesendet auf Ö1, hergestellt vom ORF – Landesstudio Salzburg, 1999.
Nichts, Erzählung, publiziert in Facetten 1998 – Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz, Verlag Bibliothek der Provinz, 1998, in den Literaturzeitschriften read, 1998, in der Literaturzeitschrift SALZ, 1998, in Kulturelemente, 1997 und im Literaturmagazin gangway, 1999.
Sie wissen ja, Erzählung, veröffentlicht in Facetten 1997 – Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz, Bibliothek der Provinz, 1997 und in etwas abgeänderter und gekürzter Form in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, 1996.
Andenken, Lyrikzyklus, veröffentlicht in einer Broschur, die vom Kreis der Südtiroler Autorinnen zum Lyrikpreis Meran herausgegeben wurde, 1996.
Ein gutes Haus, Theaterstück über die Missstände im Bereich des Gastgewerbes, präsentiert in Form einer Lesung durch Schauspielerinnen am Salzburger Landestheater, 1996.
Karminrote Erde, Lyrik, publiziert in der Buchanthologie Mit vielen Augen an vielen Orten – Reisebilder Salzburger Lyrikerinnen, HRSG: M. Koller, 1993.
Halbierung, Lyrikband im Dreiecksformat, erschienen im Verlag IKS, betreut von Alfred Winter, gefördert vom Verein der Freunde des Salzburger Adventsingens, 1992.
Hoffnungen, Musik- und Lyrik-Musik-Kassette, gemeinsam mit Tobias Reiser und seinem Ensemble, Pan Sound, 1992.
Auf Grund, Lyrik und Prosa, Graphik und Malerei, erste Buchpublikation, veröffentlicht im Verlag der Druckerei Roser, 1988.
Textbeiträge für Buch-Antholgien, für Kalenderwerke, Literaturzeitschriften und Tageszeitungen.
AUSSTELLUNGEN & AUSSTELLUNGSBETEILIGUNGEN:
Zeichne mir ein Schaf, TextBild-Serie für das Kulturprojekt SchafOhrMarke, Gemeinschaftsprojekt, TAURISKA Kammerlanderstall Neulirchen, 2020 – 2022, Bozen 2022.
Brochure_schafohr-web-komprimiert.pdf
Steinbilder und Käfermenschen, Einzelausstellung, Biermuseum, Laa an der Thaya, 1993
Bilder zu Gedichten von Erich Fried, Frauenbüro Salzburg, Salzburg 1992.
Heller denn je, Einzelausstellung, Wohnstudio Sommerer, Zell am See 1992
Pinzgauer Künstler zeigen ihre Bilder, Gemeinschaftsausstellung, Alte Schule Bucheben, Rauris, 1989
Jugend und Kunst, Gemeinschaftsaustellung, Schloss Mirabell, 1987
DREHBÜCHER & THEATERSTÜCKE:
PRO, Theaterstück, noch nicht auf dem Weg, 2024.
JEDER.MENSCH, Theaterstück, noch nicht unter Vertrag, 2022.
PLÖTZLICH GEHIRNTOT, Kurzfilmdrehbuch, MetaFilm, 2006.
BAUERNPRINZESSIN, 1. Teil, Drehbuch für ORF, BR, Kirch-Media und SK-Film: Josef Koschier, 2004
NACHT, Theaterstück, uraufgeführt vom Salzburger Landestheater im Rahmen der Rauriser Literaturtage, Regie: Lutz Hochstraate, 1999.
STIPENDIEN & PREISE:
2022: Arbeitsstipendium des Bundesministeriums für Kunst (für Jeder.Mensch, Theaterstück)
2021: Arbeitsstipendium des Bundesministeriums für Kunst (für PRO – Theaterstück).
2021: Arbeitsstipendium der Salzburger Landesregierung (für Alles wird gut, Drehbuch, Stoffentwicklung).
2020: Arbeitsstipendium des Bundesministeriums für Kunst (für Atme den Himmel).
2015: Arbeitsstipendium der Kunstsektion im Bundeskanzleramt (für Arche. Noah. Taube).
2001, 2000 und 1999: Arbeitsstipendien der Kunstsektion im Bundeskanzleramt.
1999: Förderung durch das Land Salzburg (im Rahmen der Rauriser Literaturtage).
1998 und 1997: Arbeitsstipendium der Kunstsektion im Bundeskanzleramt.
1996/97: Linzer Geschichtenschreiberin (einjährig), Max von der Grün – Förderungspreis
1994/95: Österreichisches Nachwuchsstipendium für Literatur (einjährig, für So als ob)
1994: Arbeitsstipendium des österreichischen Kunstministeriums
1992: Arbeitsstipendium des österr. Kunstministeriums
1986: 2. Wasserzeichen – Lyrikpreis
LEITUNG VON KREATIVWERKSTÄTTEN
für Kinder und Jugendliche.
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KONTAKT: Susanne Rasser
Sonnbergweg 23
A – 5661 Rauris
E-Mail:sanne.rasser@sbg.at
PROSA – TEXTPROBEN
Bäume, essen gehen
Susanne Rasser
Weihnachtsgeschichte
Geschlagen. Von Wind und Wetter, vom Hagelsturm. Dürr und verbogen stand er am Anger, das schüttere Astwerk zur Seite geknickt. Jedoch, er trug sein Gebrechen mit Würde. „Der wird nie aufrecken“, sagte der Vater und strich ihm bedächtig, mit starker Hand über den dünnen Stamm.
Wir behandelten ihn wie einen lieben Freund, dessen Haltung einem nahegeht. Ihn Baum zu nennen, war gütige Übertreibung, denn das Gewächs sah zum Erbarmen aus. Tiefgeneigt, hagelgetroffen. Seine Frucht war, strenggenommen, ungenießbar. In seinem besten Jahr mag er wohl an die 15 Äpfel getragen haben. (Ja, manchmal beißt man eben in Bitteres, aber auch das lässt sich hinunterwürgen und verdauen. In den meisten Fällen kommt es eben darauf an, wie viel man sich an Erwartung gestattet.) Seine beste Zeit ging viel zu schnell vorbei. Schon im Herbst riss der Schneegeist boshaft an den Fensterläden, wütete um Haus und Hof. Unbarmherzig, unberechenbar. Das Bäumchen nahm sich einen Schutzmantel, hüllte sich in Flauschiges – und stand still.
Nun traf ich den Vater öfter in der Stube. Dort lag er auf der Ofenbank und sang mir die Lieder vom Lenz, vom Ruapp und vom Stoff. Er sang vom Christuskind, dem Wunder der Heiligen Nacht. Während der Vater so dalag, saß ich auf seinem breiten Bauch, hörte gebannt und nahm ihm die Luft. Aber am Ende kam dann doch wieder die Geschichte des blutverschmierten Wildschütz, der sich vom Jäger die Wunden binden lassen muss.
Am Anger stand das Bäumchen still. Endlich kam der Tag, an dem sich das Christuskind zu uns auf den Weg machte. Schon früh saßen wir Kinder ungewöhnlich schweigsam am Küchentisch und dachten voller Reue an die Missetaten und Frechheiten vergangener Zeit. Wir übten uns in Schweigen, was besonders mir nicht gelingen konnte.
Erst gegen Mittag durften wir in die Stiefel sausen, „Bäume, essen gehen“, riefen wir noch ehe die Haustür hinter uns ins Schloss krachte. Lautstark bekundeten wir unsere Gastfreundschaft und stapften ausgelassen über die Felder. Es war Brauch die Bäume am Tag des Heiligen Abends zum Essen einzuladen. Auf diese Art bedankte man sich für die Früchte des Jahres. Allein das Wort genügt nicht. Um unserem Dank Glaubwürdigkeit zu verleihen, musste jeder Baum berührt werden.
Während mir die Nässe schon hintertückisch in den Stiefelschaft kroch, lenkte ich meine Spur zum Anger. Verkrümmt harrte da einer in klirrender Kälte, im schweigenden Weiß. Also zog ich meine Hände aus den Fäustlingen, umschlang seinen mageren Stamm und flüsterte: „Baum, essen gehen“. Da schnellte ein Ästchen empor und schüttelte sich. Schnee wirbelte auf. Da stoben Sterne zu Boden. Eiskristalle färbten das Mittagslicht. Es tanzten Sterne und am Himmel gleißte ein Schein. Das Bäumchen wusste vom Wunder, denn es war geschlagen.
Die vorliegende Geschichte gehört zu meinen allerersten Prosatextversuchen, sie wurde im Dezember 1993 in einer Wochenendbeilage der „Salzburger Nachrichten“ abgedruckt.
NICHTS
Susanne Rasser, Erzählung
Ganz vorsichtig trennt er den Erlagschein aus dem Heft. Mein Bub. Mein einziger, geliebter Sohn. Er zählt das Ersparte, über Monate ersparte Taschengeld noch einmal nach, leise murmelnd, wie im Gebet. Schreibt sorgfältig den Betrag auf das vorgedruckte Papier, malt die Zahlen, grinst verbissen. Zähes Vergnügen, entblößtes Zahnfleisch, gefurchte Stirn.
Mein Kind ist kein Kind mehr. Er soll seine Geheimnisse haben, sie hüten. Ich will ihn nicht zornig wissen.
Einen Zwerghamster habe ich dem Kind zum 14. Geburtstag geschenkt. Das war keine Freude. Nun steht der Käfig in meinem Schlafzimmer und dieses Tier treibt mir die Ruhe aus. Hamster laufen nachts im Rad, knabbern an den Gitterstäben. Hamster nimmt mir meinen Schlaf, trampelt alle Träume tot. Macht mich wach, raubt die Lügen, diesen, meinen glatten Selbstbetrug. Hamster laufen nachts im Rad.
Die Zeit, sie vergeht nicht. Ich warte. Warte und hoffe, hoffe und vergehe. Sinke. Die Zeit, sie vergeht, vergeht viel zu schnell. Ich warte und schweige.
Das Kind schweigt, füllt die Erlagscheine aus.
Schnell ist er groß geworden der Bub, ganz unauffällig, ganz wie alle anderen auch. Hab ihn aufgezogen, alleine verbogen. Langsam werde ich kleiner. Alleinerziehende Mutter. Schnell wird er zornig, der Bub, und ich fürchte seine Wut. Immer, ja von Anfang an, Ausreden, das Entschuldigungsgestammel: Bauchweh, die ersten Zähne, Trotzalter, Schulangst, wieder eine Trotzphase, Berührungsängste, dann – und immer noch – die Pubertät. Hab mich dumm beruhigt, herausgeredet. Aber außer Haus trägt er mir die Tasche, spannt uns den Regenschirm und grüßt die Nachbarn höflichst. Äußerst zuvorkommend, eben gut und konsequent erzogen. Dann bin ich stolz auf mich. Geliebter Bub.
Alles andere wird nebensächlich, verwässert, wird nichtig. Das ist unbedacht. Ich gehe zur Arbeit, gieße Blumen, ich füttere Schweine. Ich tu es. Ich werde es nie getan haben.
Das Geheimnis wird nicht mehr gehütet. Mit einem Lachen schlug mir der Bub seine Wahrheiten um die Ohren. Nun quäle ich mich durch seinen Lesestoff, jene abgegriffenen Hefte, aus denen er sämtliche Erlagscheine getrennt hat. Warnschriften für die deutsche Jugend, für ausgewählte Arier, von wahren Kämpfern, die sich unentwegt von rechts anschleichen. Absenderlos, inkognito, wahrscheinlich nie zu fassen. Überfremdung, Kulturverfall, Kriminalität, von politischer Feigheit der Altparteien – – nein, und will und kann gar nichts verstehen. Mein Bub nicht!
Er trägt sein Haar gewellt, leger gewickelt, hellbraun gefärbt. Beweist Geschmack, auch im Detail, und trägt die Schuhe nur vom Rind. Man sieht ihm nach, er weiß sich zu bewegen. Kein Tarngewand, eben nicht wie alle anderen auch.
Mein Schritt stockt. Eis ist im Schuh. Die Beine gefrieren, erstarren, nageln punktgenau fest. Salz in den Augen, es kratzt. Kälte schneidet mir ins Gesicht, verunstaltet mich – – macht blind.
Und immer wieder die Schuldgefühle. Habe ich ihn verzogen, zu streng geformt oder war ich zu weich, nachgiebig, viel zu gleichgültig? Habe ich ihn ernst genommen, angenommen? Nachgegeben, des lieben Friedens wegen. Aufgegeben – – und es war nie Zeit. Immer die Hetze, kein Ferienziel, schlechte Aussicht. Bügelwäsche und Socken stopfen, die Ordnung halten. Gegen das Gerede. Sparen für die neue Wohnung, die größer, lichter, näher am Arbeitsplatz ist. Müde schon am Morgen, ja gerade am Morgen. Aber niemals krankgeschrieben, nie ausgefallen. Nicht arbeitslos.
Und immer die Schuldgefühle. Ihn im Hort abgeben, später im Kindergarten. Verwischte Tränen, die sind durchsichtig, beinahe unsichtbar.
Bald wurde er selbstständig. Lange war ich dann fast unbesorgt. Der Bub hat sich selber versorgt, seinen Weg gebahnt. Hat gelernt, ganz alleine, hat das Alleine sein gelernt.
Doch plötzlich seine Faust in meinem Gesicht. Schlug zu, vollkommen unerwartet, schlug mich später sogar zu Boden. Und dann einer – und zwar seiner – Meinung sein. Das war so einfach, so schwer. Ratlosigkeit krampfte einen Herzfehler in meine Brust. Unrhythmisch wurde der Takt zwischen Verzicht und Verzeihen, zwischen Verzagen und Zorn. Meine Kraft ließ nach, der Wille brach, Schmerz war schon bald ganz gewöhnlich.
Was bleibt ist dieses Gefühl der Schuld, denn ich habe versagt. Ich war nicht hart genug, nicht weich genug – – und es war nie Zeit.
Kein Regen, der die Trauer verwäscht, meine Sorge verschwemmt, eine Abkühlung schafft. Kein Regen, der einen Bogen spannt, der wachsen lässt oder Unheil schwemmt. Keine Sonne, die den Weg sich erkämpft, meine Kraft erwärmt, den Funken entfacht. Keine Sonne, die mich gesunden lässt, mich färbt oder heillos versengt. Es ist der Wind, der mich nimmt und fallen lässt.
Aber mein Sohn trinkt nicht, raucht nie, mein Sohn hat einfach Manieren. Er liest viel, begreift schnell, kann sich kurz und gewählt mitteilen. Er will weiter, höher hinaus, will weiterlernen, studieren. Der hat Ziele. Man traut ihm viel zu. In gewisser Hinsicht ist er sehr streng zu sich. Seine freie Zeit plant er ganz genau, nur für sich, penibel und nüchtern. Ja selbst beim Fernsehen bleibt er unbeirrbar. Abendnachrichten, Pressestunde, Inlands- und Auslandsreport, Belangsendungen. Keine Talkshow, keinen einzigen Spielfilm oder Krimi, niemals den Seitenblick.
Geht nicht aus der Bub, reist im Internet, stundenlang, vergisst den Hunger, Durst, wird körperlos. Vergisst sich nicht, schlägt Tennis, hält sich heil und auf der Höhe.
Im Winter schaufelt er vor unserem Mietshaus den Schnee beiseite, frühmorgens schon. Und heuer, gleich nach Schulschluss, den ersten Ferienjob. Irgendetwas. Vielleicht in der Tourismusbranche, irgendwo in den Bergen. Weit weg! Das wäre zu schön.
Tränen ätzen ein Netz in meine Augenschatten. Ich möchte zu mir kommen, mich fassen. Ich muss zu mir kommen, mich halten, festhalten.
Faust im Gesicht. Wieder schlug er gezielt, hinterließ keinen Abdruck, schlug mich stumm. Und später schützt mich nur ein Lächeln, das Lächeln vor dem bösen Blick. Gebogene Mundwinkel, Schultern gerade gekrampft, kein einziges Wort. Nein, darüber zu keinem auch nur einen Ton.
Man könnte aber doch etwas machen dagegen. Ihm den Hals umdrehen, mit bloßer Hand, schnell und überlegen. Man könnte sich einfach vergessen. Endlich Schluss machen, abtöten, kompostieren. Und wieder zur Ruhe kommen, wieder durchschlafen.
Man kann es nicht. Kein Gift, kein Hammerschlag, ihn nicht aussetzen oder einfach – mit irgendeiner Ausrede – abgeben. Nichts fertigbringen, abschließen, weil man zu weich ist.
Der frisst mir meinen Nachtschlaf weg, beißt in seine Gitterstäbe, hastet, knabbert, kriecht und wühlt. Aber auch der hat einen Namen, nur von mir lässt er sich streicheln. Manchmal stecke ich ihm einen saftigen Ast durch das Gitter, daran turnt er hinauf und hinunter, ganz versessen. Dann zernagt er das Holz zu Splittern, frisst es genüsslich auf. Zweimal in der Woche trage ich den Dreck weg, streue Sägemehl ein und baue eine Höhle aus Watte. Nüsse, Obst, Getreide, auch Joghurt. Immer frisches Wasser. Ich berühre ihn gerne. Weiches, warmes Fell, flinke Knopfaugen.
Nein, ich werde zu allem ja sagen. Mich nicht mehr erinnern, schon gar nichts ahnen.
Transport ist ein Wort, Viehwaggon ebenfalls, und so ein Lagerkommandant war auch ein Mensch. Mauthausen liegt bei Linz, Ebensee im Salzkammergut – – mehr bleibt da doch überhaupt nicht. Treblinka, Ravensbrück, Dachau: Ortsnamen. Vielleicht Ausflugsziele? Und? Nach Auschwitz haben auch die Österreicher weitergedichtet, nur eben weniger gereimt. Das bricht den Rhythmus nicht unbedingt.
Alles doch längst vorbei. Das Gras wächst so schnell, wirklich lautlos, Holz verfault. Haare und Kinderspielzeug, Schuhe und Krücken – – wird einfach vermodern, vergehen, wird ganz einfach bald nicht mehr sein. Begriffe versagen, die Orte versinken. Jetzt reizen andere Wörter.
Ja, ich werde nein sagen. Weil diese Zeit nicht vergeht. Und ich werde mich erinnern, mir die Ahnung erlauben. Auch wenn die Dinge vermodern, das Kreuz mit den Fangbeinen bleibt. Man sprüht es auf, klebt es an, man sticht es sich gar in die Haut. Auch das Heil ist geblieben, das Schreien, die Schießübungen, der Stechschritt.
Aber einmal ganz alleine sein. Nicht nacharbeiten, aufputzen, nichts besorgen – – und keinem etwas nachtragen. Den Bus nicht mehr erreichen müssen, kaltes Abendbrot, die Schmutzwäsche liegen lassen. Schlichtweg unerreichbar, ziellos verreist, nicht mehr da.
Wenn ich eine Ausbildung gemacht hätte.
Rotes Segeltuch, salziges Wasser, Wein und Heringe. Oder weich fällt der Schnee, bedeckt meinen Mantelkragen, die Augenwimpern, deckt alles zu.
Wenn der Kindsvater mich geheiratet hätte.
Sand zwischen den Zehen, ein Mietwagen, Lachs in Blätterteig. Schwarze Steghose, bunter Parka, bemalte Lippen. Auf Schiern, einer Rodel, im Pferdeschlitten. Und Sturm, mächtiges Durcheinander. Gastfreundliche Umsicht, ein Frühstück im Bett.
Wenn ich je Geld gehabt hätte, einen Groschen zuviel.
Oder wenigstens Wochenendausflüge ins Blaue, Grüne, ins Licht. Mit Picknickkorb und Plaid.
Nichts. Nur ferngesehen, Radio gehört, Schund gelesen.
Erst einmal im Leben den Koffer gepackt. Mit fliegenden Händen, voller Angst, in heller Freude. Dann schnell ab in die Klinik. Frühgeburt, aber gesund. Ein prächtiger Bub.
Nun erwarte ich sie immer. Immer sprungbereit, angespannt, immer in Abwehr. Sie kamen zu mir, setzten sich an meinen Tisch, sie zogen die Mäntel nicht aus. Die kamen und erzählten Geschichten vom Bub. Man hat ihn vernommen, die Fingerballen auf ein Schmierkissen gedrückt.
Und ich weiß nichts.
Und ich weiß nicht wirklich worum es geht, aber das habe ich den Beamten nicht gesagt. Ließ meine Zigarette im Mund, nickte, wollte Kaffee aufbrühen. Nur herumrennen, mir die Anspannung aus dem Leib treten.
Nichts, das heißt: Wiederbetätigung. Nichts verstehe ich nicht. Die durchsuchten sein Zimmer, ja die ganze Wohnung. Hefte haben sie mitgenommen, Bücher, auch eine Fahne, die lag unter dem Bett meines Sohnes. Und dann den Kellerraum – – versiegelt! Vor den Augen der Nachbarn. Dort bastelt der Bub, spielt sich gelegentlich.
Herrgott, wie ich mich schäme.
Ich ließ mich gerne für dumm verkaufen – – und dachte, der Preis sei nicht hoch.
Ich habe den Hamster nie herumrennen lassen – – und dachte, so macht er weniger Dreck. An Gitterstäbe beißen, sich in Watte verkriechen, fressen, was man dir eben so gibt. Hamster laufen nachts im Rad.
Publiziert in
Facetten 1998 – Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz, Bibliothek der Provinz, Weitra, 1998,in den Literaturzeitschriften read, Wien, 1998, SALZ, Salzburg, 1998und im Kulturmagazin Gangway, Graz, Wien, Sydney, 1999.
http://www.gangan.com/de/lit-mags.shtml
Sie wissen ja
Susanne Rasser, Erzählung
Eigentlich möchte ich nie ankommen. In Warteräumen Gesichter lesen, in Bussen schaukeln, im Zug eine Zigarette rauchen. Kein Gespräch suchen, kein Gegenüber, keine Stütze, – nicht ein Wort zu viel.
Langsam schleicht mein Bus durch das Tal, spuckt Menschen, Koffer und Schier. Unerwartet hoch liegt der Schnee. Gäste sind bereits unterwegs, schneeballschlachtende, bunt vermummte Fremde.
Im nächsten Ort muss ich raus. Ich werde nervös, fahrig. Die Arbeit gleich sehen, das hat man mir eingebläut. Zupacken und mithelfen, überall. Sich nicht unbeliebt machen, schnell arbeiten. Das zählt, das wird schließlich bezahlt.
Die Hand der Chefin ist feucht, glitschig. In dem auf sportlich geschminkten Gesicht große, blaugrüne Puppenaugen, klar und kalt, sauber ummalt. Augen, die festeisen.
Noch ist es ruhig in diesem großen, blitzblank geputzten Hotelbetrieb. Es ist finster. Ich bin müde. Mein Zimmer liegt im Altbautrakt. Der Raum ist unversperrt. Ein Tisch, Waschbecken, Kleiderstange, roh gezimmertes Regal. Zwei Betten.
Die Chefin hat nicht erwähnt, dass ich mein Zimmer teilen muss. Gut, man wird miteinander auskommen, vielleicht sogar sehr gut.
Ursula, meine Zimmergefährtin, ist Stubenmädchen. Während sie mich durch das Hotel führt um Nötiges zu erklären, fährt sie mit spitzen Fingern über Leisten und Kanten, inspiziert, kontrolliert. Sie spricht schnell, abgehackt.
Das Personal isst in der Küche. Fünfzehn Leute um einen viel zu kleinen Tisch gereiht. Ellbogen an Ellbogen. Ein Koch, Servierkräfte, der Küchenchef, auch sie sitzen hier zum ersten Mal.
Morgen beginnt die Saison. Man wird heute früh zu Bett gehen. Keiner steht auf, viele zünden sich eine neue Zigarette. Einfach dasitzen, den Schatten etwas mehr übers Gesicht ziehen, sie alle anschweigen wollen. Vollwertig, eigenwertig – und was sein wollen? Gleichwertig? Erzogen, verzogen. Angezogen und umriemt von unbekannten Gesetzen. Sich einigeln, wärmen. Mir ist kalt. Nichts verhilft zur Flucht in ein Gestern, nichts lässt mich erinnern. Kein Blick wärmt, kein Wort vertraut.
Ich bleibe hängen, weiß nichts zu sagen, habe nichts zu sagen.
Und dass mir Peter sein Frühstück ja aufisst! Eilig verlässt meine Chefin die Privatwohnung. Ich höre sie stöckelbeschuht zum Lift klappern. Ich spüre mich aufatmen.
Nun, ich bin eingeteilt. Aufgeteilt zwischen Kinderbetreuung und Waschküche, zwischen Haushalt und Bügelkammer. Am Abend im Service mithelfen, wie ausgemacht.
Wie ausgemacht? Seit wann muss ich, kann ich, will ich servieren? Sich jetzt nicht wehren. So tun als ob, so tun als ob mein einfach vergesslich wäre. Dumm stellen, stumm stellen, zum Selbstschutz. Also, kein Gestank nach heißem Fett, welches man mit sich herumträgt, unabwaschbar von Haut und Haaren. Keinen Dienst an eine Männerschar mit weißen Hauben, zu deren Zoten man gefälligst zu lachen hat. Lachen, um jenen trügerischen Eigenraum zu wahren, in dem kein fremdes Geschwulst Boden findet, um ins Innerste zu fressen. Raum für diesen Selbstbetrug, dass man als verantwortungsbewusste und denkfähige Arbeitskraft eingestuft wird. Ich bin jederzeit kündbar, fristlos.
Peter, und dass er sein Frühstück ja aufisst! Nun wäre es an mir, die Gouvernante zu mimen. Fein säuberlich liegt die Hälfte der Semmel in eine Serviette gerollt, darüber kreuzen sich Buttermesser und Löffel. In den Augen des Sechsjährigen liegt keine Bitte um Erbarmen. Langsam gehe ich um den Esstisch, streichle mit flacher Hand über seinen Kopf. Haare kitzeln an meinem Handteller. Leicht verlegen lässt er sein Haupt nach hinten kippen, schnell steht er auf, nimmt seine Schultasche, den Blick zu Teppich.
Die Arbeit gleich sehen! Geschirrspüler einräumen, Frühstückstisch abräumen, Küche und Wohnzimmer aufräumen. Endlich ein Quengeln aus dem Kinderzimmer. Der kleine Lukas ist wach. Ihn aus dem Gitterbett heben, ihm gut zureden. Das Flascherl aus dem Wärmer langen und dieses Kind in meine Arme betten. Im Selbstverständnis einer Mutter, die ich nicht bin.
Die Falten in den Riesenrüschenbiesenblusen meiner gnädigen Frau Chef zeigen Spinnennetze, unfertig zwar, aber nicht zu übersehen. Ich gebe es ja zu, ich kann nicht bügeln. Jedoch, ich kann es nicht zugeben, weil ich es können muss.
Wie glättet man gepuffte Ärmel, die synthetischen Spitzen am Saum? Wie schlichtet man diese Fetzen in einen Tragekorb, um sie dann unbeschadet in einen Kleiderschrank stapeln zu können? Nun, ich habe keinen Grund zu grinsen. Jetzt schnell die Zähne zusammenbeißen, beide Mundwinkel ganz bewusst eine Spur nach unten ziehen. Eine Gleichgültigkeit zur Hilfe nötigen. Ursula kann das. Ich bitte Sie von ihrer mächtigen Bügelmaschine in meine Ecke, und bitte sie.
Geschickt rollt das Stubenmädchen ein Handtuch in den bauschigen Ärmel, zupft diesen penibel zurecht, glättet mein Missgeschick. Sie sprüht Leinen ein, zischt dampfend über den Stoff, ordnet unzählige Fältchen, – mit geübter Hand. Ich äußere meine Bewunderung, zum Dank, vorbeugend.
Nun ist jedes Zimmer belegt. Hochzufrieden steht der Chef an der Rezeption, ganz Herr des Hauses, halb Herr der Lage. Während der die übrig gebliebenen Begrüßungsschnäpse trinkt, wird in der Küche bereits aufgekocht, abgebraten, gesotten, gerührt, geflucht.
Stammgäste streichen den Chefkindern über die Wangen. Und wie groß sie geworden sind, und da sieht man wie man alt wird. Kinder, wie Schnäpse auf silbernem Tablett. Feuchter Kuss, Schokolade, Spielzeugautos, und da fühlt man, wie es kalt wird. Ein tüchtige Mutter, ein stolzer Vater. Und keine Zeit.
Schnell! Schnell essen mit den beiden Buben. Sie ausziehen, baden, ins Bett zwingen. Keine Fragen, keine Antwort. Kein Pardon. Sollte der Kleine länger schreien, so wird sein Bruder im Speisesaal anrufen. Irgendwer wird dann schon nachsehen, irgendwann.
Ich eile in meine Personalkammer, um mich umzuziehen. Weiße Bluse, schwarzer Rock, Servierschürzchen. Schlafen die Kinder schon?
Ab in den Speisesaal. Ein Lächeln überstülpen. Nicht zu schnell gehen. Auftragen, zubringen, abräumen helfen. Ein Teller fällt. Rot werden, noch ungeschickter, später gleichgültig. Besteck wischen, es in die Laden schlichten. Gläser polieren, Getränke abzapfen. Bier schäumt über.
Im Bett sitzen und Ursula beim Schlafen zusehen. Ihr schmächtiger Körper liegt wie aufgebahrt. Rote Hände kreuzen sich über ihre Brust. Rote, raue, rissige Hände. Die Nägel kurz geschnitten. Unberingte, ungeschonte Putzfrauenhände. Scharfe Reinigungsmittel ätzen die Haut, machen sie hässlich, manchmal sogar schmerzhaft.
Rote, raue, rissige Hände. In Bergen von fremder Schmutzwäsche. Heißes Wasser, kaltes Wasser. Staub, Dreck, Erbrochenes aufwischen. Die frischen Leintücher straff über die Matratzen spannen, sich an den Bettleisten Schiefern einziehen. Eiternde Hände. Die tägliche Spuren täglich verwischen.
Ganz unten stehen in der Hierarchie dieses Hauses. Wovon träumt sie jetzt? Von mehr Freizeit, angemessener Entlohnung, vom Dreck?
Die linke Hand trägt. Die rechte Hand arbeitet.
Die Reihenfolge beim Bedienen der Gäste richtet sich nach Geschlecht, gesellschaftlicher Stellung, Alter.
Kalte Speisen auf kalten Tellern. Heiße Speisen auf heißen Tellern.
Der Besitzer eines Hotelbetriebes erlangt seine Position durch Arbeitseinsatz und entsprechende Berufserfahrung.
Gewünschte Eigenschaften von Bediensteten: Ehrlichkeit, Interesse, Loyalität. Wichtig sind aber auch gepflegtes Aussehen, höfliche Umgangsformen, unauffällige Kleidung, Bescheidenheit, verständliche Aussprache, psychische wie physische Belastbarkeit.
Loyalität heißt: die Interessen des Hauses zu schützen. Innerbetriebliche Eigenheiten dürfen nicht preisgegeben werden.
Interesse: Es ist sehr wichtig, dass die Aschenbecher während des Essens leer sind. Salate werden links, Beilagen von rechts gereicht.
Langsam rinnen Tränen in meine Halsbeuge. Ich habe vergessen. Dass ich ein Hirn wie ein Sieb habe, dass ich dumm und faul bin, hat die Chefin gesagt.
Unsere Arbeitgeberin eine Sklaventreiberin schimpfen, sie lächerlich machen. Im linken Moment den Trumpf aus dem Ärmel ziehen, vieles ausplaudern, ohne Scham, ohne Rücksicht. Einiges zuspitzen, grell nachzeichnen. Ohne Scham.
Ich weiß wie ihre Unterwäsche aussieht, ich ziehe die Haare aus ihren Lockenwicklern. Ich weiß, dass sie ihre Kinder kaum kennt. Und nun gebe ich preis. Zynisch, voller Spott, das eist die Tränen.
Wir schimpfen im Takt, wir pfeifen darauf, wir lachen uns frei. Die beiden verstehen, denn auch sie wissen von Demütigung, der Ungerechtigkeit, sie wissen es um zwei Jahre besser als ich. Markus und Georg arbeiten in der Küche. Kochlehrlinge: Zubringer, Abschäler, Auftischer, Nachwischer.
Alkohol lässt langsamer atmen. Ich habe vergessen, die Mistkübel zu leeren. Im Schneidersitz auf Markus Bett, die Schnapsflasche an Georg weiterreichen. Mir graut. Der Morgen graut. Georg erbricht sich.
In der Duschtasse sitzen, die schwarzen Schimmelflecken am Plafond anstarren.
Schwarze Flecken, die wie Nachtschatten am Himmel lauern. Einen Mond dazumalen, der steht im Hof. Drei Sterne und eine Schnuppe, drei Wünsche, die sind verflucht.
Lauwarmes Wasser über die Haut rieseln lassen. Da war irgendwo Ruhe, ein Mutterhaus.
Jetzt einfach schlafen gehen. Jetzt einschlafen und morgen gekündigt werden. Eiskaltes Wasser über die Haut peitschen.
Der Duschraum ist perfekt verdreckt. Woran sind diese Fliesen zersprungen? Wer hat den Spiegel blind geschlagen?
Wach werden! Sich beeilen, zurechtbiegen.
Sobald ich den Speisesaal betrete, schwenkt meine Stimmung um. Mein Lächeln lügt nicht mehr. Hier bin ich nicht nur Handlanger, denn der Oberkellner lässt mir Raum, eine Verantwortung. Im Hintergrund ein Lachen, Gläsergeklirr, Stimmengewirr.
Zu später Stunde lädt einer mich in die Runde. Zu später Stunde werde ich wach.
Bedächtig malt Peter Buchstaben in sein Schulheft. Eisern umschließt die kleine Faust den Bleistift, drückt fest auf, immer wieder. Ihm zusehen und Zeit haben. Zeit, das heißt Jännerloch. Weniger Gäste, weniger Arbeit, Ruhe, Zuwendung. Ein Loch im Jänner, ein unausgebuchtes Haus.
Der Chef liegt am Diwan, sieht zu, lässt zu, ohne Befehlston. In langen Schlucken den Kaffee trinkend, die Lederhosenbeine weit von sich gestreckt. Plötzlich umarmt mich sein Blick, streicht langsam ab und zwischen dem nächsten Öffnen der Lider ist er eingeschlafen.
Sich einnisten in diesem Jännerloch, den Körper weit dehnen. Ohne Schlafgier nachmittags im Bett, die Arme im Genick verschlungen.
In kurzen Abständen fahren Busse vor und mit drei Schlägen werden 140 Touristen angekarrt. Alles quillt über. Der Rubel rollt, überrollt uns und während wir nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht, steht jeder jedem im Weg.
Die großen Koffer in die Zimmer schleppen, aufrecht, ohne sichtbare Anstrengung. Gäste strecken mir Trinkgeld in die Schürzentasche, und ich freu‘ mich ehrlich. Hände schütteln, Namen wechseln, auskunftsergeben.
Der Kleine wurde zu den Großeltern abgeschoben. Damit ich den Zimmermädchen helfen kann. Damit ich mittags im Service zur Hand gehen kann. Da mithelfen und dort zupacken. Während er Vormittag im Chaos versinkt, servieren wir schon die Suppe.
Das Kleid bezahlen sie mir, gellt es durch den Speisesaal. Oje, dem Oberkellner Martin ist das passiert. Der hat Suppe verschüttet und nun kleben bleiche Nudelwürmer an einer fleischfarbenen Dralonbluse. Die Fleischfarbene schimpft sich in den Mittelpunkt und während Martin seinen hochroten Kopf in die Küche retten will, stöckelt bereits die Chefin herbei. Die schimpft ebenfalls und entschuldigt sich vieltausendmal: Sie wissen ja, das heutige Personal.
Martin steht in der Küche, sagt nichts, schaut uns nicht an. Zitternd nimmt er ein verschmiertes Glas von der Spüle, wirft es mit tobender Wucht auf den Fliesenboden. Zwei, drei, viele. Tritt dann hoch erhobenen Hauptes mit seinen blankgewichsten Schuhen in den Scherbenhaufen.
Publiziert in
Facetten 1997 – Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz, Bibliothek der Provinz, Weitra, 1997,in Geschichten aus der Arbeitswelt, Löcker Verlag, Wien, 1997 und(in etwas abgeänderter und gekürzter Form) in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit.
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